Schön ist der Ausspruch: Wer über die Menschen reden will, der muß, wie von einem höheren Standpunkte aus, auch ihre irdischen Verhältnisse ins Auge fassen, ihre Versammlungen, Kriegszüge, Feldarbeiten, Heiraten, Friedensschlüsse, Geburten, Todesfälle, lärmende Gerichtsverhandlungen, verödete Ländereien, die mancherlei fremden Völkerschaften, ihre Feste, Totenklagen, Jahrmärkte, diesen Mischmasch und diese Zusammensetzung aus den fremdartigsten Bestandteilen.
Marcus Aurelius, Selbstbetrachtungen, 7.48
Diese stoische Praktik ist der Blick auf das Geschehen von oben herab, also mit Abstand und Objektivität, sodass man selbst nicht mehr Teil der Situation ist (dissoziiert).
Politische Grenzen verschwimmen, Kriegsgeschehen sieht aus wie ein Ameisenhaufen und das bunte Treiben bekommt weniger Gewicht.
Diese Übung lässt uns unsere persönlichen und irdischen Probleme aus einer kosmischen Sicht als “klein” erkennen. Die emotionale Ladung, der Ballast fällt bei dieser Übung ab.
Mit dieser Übung erhält man zwei Perspektiven: aus kosmischer Sicht kann man erkennen, dass wir nur ein kleiner Teil im Großen Ganzen sind. Doch das soll nicht dazu führen, dass wir uns allem blind der Zerstörung hingeben. Denn vielmehr können wir erkennen, dass wir als Menschen die moralische Verantwortung selbst in der Hand haben. Der "Blick von oben" ordnet unser Verständnis von gut und schlecht neu, da wir die Möglichkeit haben, die Einzigartigkeit in jedem Moment zu erkennen, um die Chance zu ergreifen, das Beste aus ihm zu machen:
Bedenke unter anderem, daß wir nur die gegenwärtige Zeit leben, die ein unmerklicher Augenblick ist; die übrige Zeit ist entweder schon verlebt oder ungewiß. Unser Leben ist also etwas Unbedeutendes, unbedeutend auch der Erdenwinkel, wo wir leben, unbedeutend endlich der Nachruhm, selbst der dauerndste, er pflanzt sich fort durch eine Reihe schnell dahinsterbender Menschenkinder, die nicht einmal sich selbst kennen, geschweige denn jemanden, der längst vor ihnen gestorben ist, kennen sollten.
Marcus Aurelius, Selbstbetrachtungen, 3.10
Eine schöne “Visualisierung”, wie ich finde, für die “Winzigkeit aus großer Entfernung” und die “Größe im Kleinen” ist das Video “Powers of Ten”.
Ist das nicht eine geniale Welt, in der wir leben?
Viel unnötigen Anlaß zu deiner Beunruhigung, die ganz und gar auf deinem Wahn beruht, kannst du aus dem Weg schaffen und dir selbst unverzüglich weiten Spielraum eröffnen. Umfasse nur mit deinem Geist das Weltall, betrachte die Ewigkeit und dann wieder die schnelle Verwandlung jedes einzelnen Dings: welch kurzer Zeitraum liegt zwischen seiner Entstehung und Auflösung, wie unermeßlich ist die Zeit vor seinem Werden, wie unendlich nach seinem Ende. Selbstbetrachtungen 9.32
Drittens, daß, wenn du, plötzlich über die Erde emporgerückt, auf die Menschenwelt herabschauen, den großen, vielgestaltigen Wechsel in derselben wahrnehmen und zugleich den ganzen Umkreis luftiger und ätherischer Wesen mit einem Blicke überschauen könntest, daß du dennoch, sage ich, sooft du emporgerückt würdest, immer wieder dasselbe, nämlich alles gleichförmig und kurzdauernd finden müßtest. Und hierauf dürftest du stolz sein? Selbstbetrachtungen 12.24