Diese Übung beschreibt Marcus Aurelius sehr oft, beispielsweise in 3.11
“Von jedem Gegenstande des Gedankenkreises bilde dir einen genauen, bestimmten Begriff, so daß du denselben nach seiner wirklichen Beschaffenheit unverhüllt, ganz und nach allen seinen Bestandteilen anschaulich zu erkennen und ihn selbst sowohl, als auch die einzelnen Merkmale, aus denen er zusammengesetzt ist und in die er wieder aufgelöst wird, mit ihren richtigen Namen zu bezeichnen vermagst.”
Schaue Dir an, woraus das Objekt besteht. Wie wurde es erschaffen, wofür ist es da und wohin wird es gehen? Viele Sachen in unserer Welt sind künstlich erschaffen: Smartphones, Computer, Kleidung, etc.
Epiktet bringt es im Handbüchlein der Moral Absatz 3 auf den Punkt:
Bei allem, was deine Seele verlockt oder dir einen Nutzen gewährt oder was du lieb hast, denke daran, dir immer wieder zu sagen, was es eigentlich ist. Fang dabei mit den unscheinbarsten Dingen an. Wenn du einen Krug liebst, so sage dir: »Es ist ein Krug, den ich liebe.« Dann wirst du nämlich nicht deine Fassung verlieren, wenn er zerbricht. Wenn du dein Kind oder deine Frau küßt, so sage dir: »Es ist ein Mensch, den du küßt.« Dann wirst du nämlich nicht die Fassung verlieren, wenn er stirbt.
Diese Übung hilft, die “Anhaftung” an Außendinge aufzulösen, also dein Glück nicht von einem künstlichen Konstrukt abhängig zu machen und dich auf das zu besinnen, was in deiner Macht liegt.
Die Außendinge sind für die Stoiker indifferent. Einige Dinge, darunter bspw. Gesundheit, Geld, Ansehen, sind bevorzugt, da sie einen Beitrag für das äußere Wohlergehen sind - doch notwendig für das stoische Glück sind sie nicht.
Sich von diesen Dingen abhängig zu machen, führt dann zu Unglück in der Seele, wenn man sie nicht mehr hat. Daher erinnert sich Markus oft, was die Dinge wirklich sind, dass sie dem Lauf des Schicksals unterworfen sind, dass sie sterblich oder vergänglich sind. Die Aufgabe ist, sich emotional von diesen Dingen zu lösen, z.B. mit dieser Übung der "Zerlegung des Objektes".
Es ist gar nicht so unrecht, wenn man sich beim Essen und Trinken sagt: also dies ist der Leichnam eines Fisches, dies der Leichnam eines Vogels, eines Schweines usw. und beim Falernerwein: dies hier der ausgedrückte Saft einer Traube, oder beim Anblick eines Purpurkleides: Was du hier siehst, sind Tierhaare in Schneckenblut getaucht — denn solche Vorstellungen geben uns ein Bild der Sache, wie sie wirklich ist, und dringen in ihr inneres Wesen ein. — Man mache es nur überhaupt im Leben so, entkleide alles, was sich uns als des Strebens würdig aufdrängt, seiner Umhüllung, und sehe von dem äußeren Glanze ab, mit dem es wichtig tut. Der Schein ist ein gefährlicher Betrüger. Gerade wenn du glaubst mit ernsten und hohen Dingen beschäftigt zu sein, übt er am meisten seine täuschende Gewalt. Selbstbetrachtungen 6.13
Was ist dieser Gegenstand hier seinem Wesen und seinen Eigenschaften nach? Was ist er nach seinem Stoff? Welche Kraft wirkt in ihm? Was tut er in der Welt und wie lange ist seine Dauer? Selbstbetrachtungen 8.11
Ein schöner Gesang, ein schöner Tanz, ein schönes Spiel ist nur so lange schön, solange man das Ganze anschaut. Zerlegt man aber jenen in seine einzelnen Töne, diese in ihre einzelnen Bewegungen, und hält dieselben für sich fest, so verlieren sie ihren Reiz. Nur die Tugend und was von ihr ausgeht, ist und bleibt immer schön. Daher übe nur bei allem andern jene Zergliederung, auch bei der Anschauung des Lebens. Selbstbetrachtungen 11.2
Sieh zu, wie die Dinge in der Welt beschaffen sind, und unterscheide an ihnen Stoff, wirkende Kraft, Zweck. Selbstbetrachtungen 12.10