Sich mit Stoizismus schmücken - oder: worauf es ankommt

Ist es nicht grandios, Tugendhaftigkeit zu signalisieren, resilient zu sein und gleichzeitig etwas Gutes für die Menschheit zu tun?

Was für ein Vorbild an Mensch! So möchte man doch von anderen wahrgenommen werden, nicht wahr?

Doch der äußere Schein sagt wenig über die stoische Intention eines Menschen aus.

Was bringt der Schein, Tugend zu signalisieren, wenn damit eigentlich moralische Überlegenheit ausgedrückt werden soll?

Was bringt der Schein, resilient zu sein, wenn man innerlich dennoch zerbricht?

Was bringt der Vorwand, man tue etwas Gutes für andere Menschen, wenn man es aus einem Gefühl von Schuld oder Minderwertigkeit tut und sich damit sein Selbstwertgefühl polieren möchte? Schlimmer noch: was bringt der Vorwand, etwas Gutes zu tun, wenn man unangemessene Mittel einsetzt oder ein anderes Gut meint? Wie in so manchen autoritären Strukturen.

Die Frage ist: worauf kommt es tatsächlich an, wenn man auf dem stoischen Weg unterwegs ist?

Das Ziel ist, im Einklang mit der kosmischen sowie der eigenen Natur zu leben - sich mit dem Lauf des Schicksals anzufreunden und auf dem Weg zu lernen, die bestmögliche Haltung gegenüber den Dingen einzunehmen.

Dabei gilt es, stets das Verständnis von Gut und Böse, Tugend und Laster zu verfeinern und anzuwenden.

Jeder Mensch startet dabei mit seinem individuellem, zum Teil vorbestimmtem und zum Teil selbst antrainiertem, Satz von Fähigkeiten, Talenten, Einschränkungen, Perspektiven und Umständen.

Hinzu kommen die Chancen und Herausforderungen durch die Umwelt, in die man hineingeboren wurde und die sich stets wandeln. Keiner hat sich diese Zeit, diesen Ort, diese politischen Verhältnisse, diese Familie, diesen Körper, diese Fähigkeiten bewusst ausgewählt.

Dennoch gilt es, aus dem, was gegeben ist, das Beste zu machen - Verantwortung für das zu übernehmen, was dieses "Los des Schicksals" - die große Rolle im Drama des Lebens - einem darbietet.

Diese Aufgabe beginnt dann, wenn man beginnt, sie zu realisieren. Zu realisieren, dass man stets gefordert ist, den Erscheinungen und Empfindungen einen Sinn abzuverlangen und eine individuelle Antwort abzuliefern - sich zu ver-antworten.

Zur Ver-antwortung liefern uns die Stoiker die Idee, dass dies ausschließlich über die Verwendung des freien Willens, der eigenen kontrollierbaren Dinge (mehr dazu) bzw. der Tugend, möglich ist.

Es kommt also als prokopton darauf an, sich zu jeder Zeit stoisch zu ver-antworten - vor allem gegenüber sich selbst (und irgendwie auch gegenüber dem Guten - dem stoischen Gott) - und vor allem dranzubleiben, denn es wird Rückschläge geben (und diese sind ein Zeichen davon, dass man auf dem Weg ist).

Der Charakter zeigt sich in schwierigen Zeiten

Es ist ein Kinderspiel, sich tugendhaft, resilient und altruistisch zu zeigen, wenn die Umstände herausforderungslos sind - weil man eben gar nicht herausgefordert wird, entsprechende Qualitäten tatsächlich auszubilden und diese Qualitäten auch zu zeigen.

In schwierigen Zeiten befindet man sich wie Herkules an einer Weggabelung. Das Laster, als Tugend verkleidet, zeigt auf den einfachen, mühelosen Weg - Arete, die Tugend, zeigt auf einen mühseligen, dunklen Weg, der sich am Ende aber als lohnend herausstellen wird.

Auf dem Weg der Tugend, in schwierigen Zeiten, wird man nicht immer Tugendhaftigkeit signalisieren können. Man wird nicht immer Resilienz zeigen können. Man wird sich nicht immer auch um andere kümmern können, weil man seine eigene innere Burg reparieren muss.

Man wird sich auf dem Weg der Tugend aber öfter sagen können, dass man drangeblieben ist, dass man nicht den einfachen Weg gegangen ist und sich stets für den Weg der Tugend entschieden hat.

Man wird stetig besser, kommt der Wasseroberfläche zwar immer näher, erkennt aber trotzdem, dass es nicht zum Luftholen reicht. (In Anlehnung an die Metapher des Ertrinkens, dass es egal ist, wie weit man unter der Wasseroberfläche ist, die die Tugend darstellt; man befindet sich immer noch im Meer des Lasters.)

Innere Kraft

Auf dem Weg der Tugend lernt man seine innere Kraft kennen. Es ist kein einfacher und kein schneller Weg. Man muss durch die Dunkelheit zum Kern der eigenen Seele vordringen. Auf dem Weg findet man Schwäche, Laster, das Böse, den Zweifel und alles andere, was man sonst nicht anblicken möchte. Doch irgendwo schlummert dieser Kern des Guten, die innere Kraft, das, was man den "guten Geist", den eu-daimon oder den individuellen logos bezeichnen könnte.

Wer ist das du, frage ich: die Vernunft.

  • Marcus Aurelius, Selbstbetrachtungen 8.40

Auf dem Weg der Tugend sollte man häufiger dort einkehren, innehalten, reflektieren. Von diesem Ort aus kann man lernen, Dinge loszulassen und sich zu befreien.

Was die Fähigkeit zu urteilen und Schlüsse zu machen anbetrifft, so mußt du sie in Ehren halten. Denn es wohnt ihr die Kraft bei, zu verhüten, daß sich in deiner Seele irgendeine Ansicht festsetze, welche widernatürlich ist oder einem vernunftbegabten Wesen unangemessen. Ihre Bestimmung ist, uns geistig unabhängig zu machen, den Menschen zugetan und den Göttern gehorsam.

  • Marcus Aurelius, Selbstbetrachtungen 3.9

Wenn man aus diesem Ort Kraft geschöpft hat, kann man lernen, mit seinen Schuld- und Selbstwertgefühlen umzugehen. Man kann erkennen, dass die lebensfördernde Kraft stets aus dem jetzigen Zeitpunkt und mit dem arbeitet, was zur Verfügung steht. Man kann dann aus der Vergangenheit lernen, ohne sich von ihr die Zukunft diktieren zu lassen - frei von Schuld.

Könntest du deine Ansicht über das, was dich zu schmerzen scheint, ändern, so würdest du vollständig in Sicherheit sein.

  • Marcus Aurelius, Selbstbetrachtungen 8.40

Aus diesem Ort erkennt man, wer oder was man wirklich ist - jenseits von stolzen Anhaftungen, jenseits von Grenzen wie Geschlecht, gesellschaftliche Rolle, Beruf, Anzahl der Haare auf dem Kopf und Nullen auf dem Konto - also jenseits von all den indifferenten Identifikationen. (Ja, es ist auch ein spiritueller Weg.)

Mache dich nur von deinem Wahne los, und du bist gerettet! Wer hindert dich denn, ihn abzutun?

  • Marcus Aurelius, Selbstbetrachtungen 12.25

Das bringt einen in die Lage, wahrlich Gutes auch für andere Menschen zu tun, da die eigene Absicht immer unegoistischer wird und man sein Selbstbild dadurch nicht polieren muss - was sonst eine Form von Abhängigkeit, also seelischer Unfreiheit wäre.

Aber es ist nicht einfach. (Und ich selbst habe bisher nur einen kleinen Einblick darin erhalten)

An diesem Ort erkennt man den Teil von sich, der unzerbrechlich, unerschütterlich und resilient ist. Auf dieser soliden Basis kann man es wagen, sein Leben zu gründen, neue gewohnheitsmäßige Haltungen zu etablieren, unförderliche Gewohnheiten loszuwerden. Nach außen sieht es vielleicht so aus, als sei man (kurzfristig) nicht resilient oder diszipliniert - aber solange man von sich selbst ehrlich sagen kann, dass man dranbleibt, den passenden Ausdruck für sich zu finden, ist alles in Ordnung. Wie angedeutet, jeder bringt seine eigenen Herausforderungen mit.

An diesem Ort erkennt man auch, dass Tugendhaftigkeit zu signalisieren Heuchelei ist, weil man zum Beispiel eine äußere Bestätigung für ein inneres Defizit gesucht hat - die einen am Ende nur weiter vom Weg der Tugend abgebracht hat.

Wenn du ein gesundes Urteil hast und die Gewohnheit, für andere zu handeln, und ein Gemüt, das mit den äußeren Verhältnissen zufrieden ist, so hast du genug.

  • Marcus Aurelius, Selbstbetrachtungen 9.6

Fazit

Seit meiner Beschäftigung mit dem Stoizismus Mitte 2016 habe ich viel erlebt, Viele in diesen Bereich kommen und gehen gesehen - mich selbst eingeschlossen. War es für mich am Anfang Schmuck: ja. Ist es jetzt Schmuck: zum Teil. Was ist gleichgeblieben? Das stete Interesse, das wahre Gute zu entdecken und zu kultivieren.

Doch der Weg ist einsam, dunkel, kalt und steinig. Man muss lernen, den Kern des Guten in sich zu kultivieren und Vieles loszulassen, was man bis dato als Schutz und aus Bequemlichkeit vor sich aufgetürmt hat.

Ob diese Aufgabe jemals zu Ende ist?

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