Einige Dinge stehen in unserer Macht, andere hingegen nicht.
In diesem Artikel fasse ich meine aktuelle Perspektive auf die Dichotomie der Kontrolle zusammen - auch unter Berücksichtigung der Dinge, die ich bereits dazu geschrieben habe (und auch als Verdeutlichung einiger Aspekte, die womöglich im Podcast nicht klar wurden).
Denn mir sind ein paar Dinge aufgefallen.
Daher schauen wir uns nun Folgendes an:
Es gibt doch nichts Schöneres als die eigene Evolution des Konzeptverständnisses zu verfolgen. So natürlich auch bei der Dichotomie der Kontrolle.
Mein erstes "Verbrechen" war dieser Artikel: Das Konzept der Kontrolle – Epiktet aus 2017 und mein Zweites war dieser Artikel aus 2021: Alles über die Dichotomie der Kontrolle.
Ich bin gespannt, wie sich mein Verständnis weiterentwickelt...
Meine erste intensivere Begegnung mit der Dichotomie der Kontrolle war in William Irvines Buch "A Guide to the Good Life". Dort baut er die Zweiteilung der Dinge sogar noch zu einer Dreiteilung aus. Seine Begründung, mehr oder weniger, ist, dass wir Menschen ja doch in gewissen Bereichen Einfluss, Macht haben oder Ziele erreichen wollen.
Das klingt aus einleuchtend, so kam ich zum Stoizismus doch aus meinem Interesse an Persönlichkeitsentwicklung - und was wäre dieser Bereich ohne Ziele?
Doch diese Interpretation führt uns weg von dem, worum es, meiner Meinung nach, bei der Dichotomie der Kontrolle geht: um die Dinge, die in unserer Macht sind. Tugend ist bei den Stoikern erstranging, Einfluss zweitrangig.
Über diese "Irreführung" habe ich in dem Artikel aus 2021 auf eine andere Art berichtet.
In online Diskussionen ist mir aufgefallen, dass die Dichotomie der Kontrolle auf verschiedene Arten interpretiert wird. Einige davon zeigen in die richtige Richtung, sind aber möglicherweise problematisch.
Eine Form der Interpretation ist, sich gar nicht mehr um die Außendinge zu kümmern. Kein Wunder also, wenn einige den Eindruck eines "steinernen Stoikers" bekommen. Feedback, was wir von Außen bekommen, ist nicht erstrangig wertvoll (denn das ist nur die Tugend), aber auch nicht unwichtig. Ich sehe den stoischen Weg als ein Weg des Lernens in Richtung Weisheit und da ist das Feedback von außen wichtig - denn am Ende geht es ja darum "die Welt durch mich zu einem besseren Ort zu machen".
"Auch wenn wir die Außendinge nicht kontrollieren können, so können wir doch unsere Reaktion auf die Dinge kontrollieren" heißt es immer. Eine Reaktion auf die Außendinge besteht aus mehreren Komponenten, eine davon ist die emotionale. Anzunehmen, man könne auf magische Weise seine Emotionen verändern, indem man eine bessere Reaktion wählt, entspricht nicht der Idee, wie die Stoiker mit Emotionen umgehen.
Emotionen basieren auf falschen Werturteilen und diese sind aufwändig zu eliminieren. Das kann zu Frust oder der Unterdrückung von Emotionen führen.
Epiktet erwähnt, z.B. in Unterredungen 3.2, sehr gerne, dass es genau dieser Bereich ist, um den wir uns zu allererst kümmern sollen:
Von diesen drei Gebieten ist das von den Leidenschaften das wichtigste und dringlichste.
Zu den Gebieten kommen wir jetzt.
Um der Bedeutung näher zu kommen, schauen wir mal, welches Wort Arrian, der Autor von Epiktets Unterredungen und dem Handbüchlein, denn benutzt: das Wort ist "eph' hemin"
Das ist Akkusativ Plural von "epi" & "ego" (wer es besser weiß, korrigiere mich bitte) und lässt sich nicht so einfach in unsere Sprachen übersetzen. Vielleicht ist eine Übersetzung ins Deutsche mit "Dinge, die in/bei uns liegen" oder gar "unser Eigenes" zielführender.
Um es an der Stelle kurz zu halten: am Ende ist die Übersetzung gleichgültig, solange wir wissen, was die Stoiker damit meinten, und wo das Wort im weiteren Verlauf verwendet wird - daher mag ich die Bücher, die das Griechische oder Lateinische neben der Übersetzung stehen haben.
Eines vorweg: ich kümmere mich ab hier nicht mehr darum, wie man die Dinge, die man nicht oder nur etwas kontrollieren kann, einteilen sollte. Denn mein Punkt hier ist: darum geht es nicht - und Epiktet verschwendet darauf ja auch nur sehr wenig Worte!
Es geht darum, die Dinge zu lernen, zu trainieren und zu meistern, die bei uns liegen. Das stellt Epiktet auch immer wieder eindrücklich dar.
Fangen wir mit den berühmten ersten Sätze aus dem Handbüchlein der Moral an:
Von allen Dingen stehen die einen in unserer Macht (eph‘ hēmin), die anderen nicht (ouk eph‘ hēmin). In unserer Macht stehen Annahme (hypolēpsis), Antrieb zum Handeln (hormē), Begehren (orexis), Meiden (ekklisis), und mit einem Wort alles, was unser Werk (ergon) ist. Nicht in unserer Macht stehen Leib, Besitz, Ansehen, Stellung, kurz alles, was nicht unser Werk ist.
Merken wir uns an dieser Stelle die vier Wörter:
Diese erscheinen in Unterredungen 3.2 wieder und zwar diesmal im Kontext von den drei Gebieten von Epiktets Philosophie (weil: bei anderen Stoikern vor Epiktet gibt es sie noch nicht).
Drei Gebiete (topos) sind es, in denen man sich üben muss, wenn man sittlich gut (kalon kai agathon) werden will. Das erste betrifft das Begehren (orexis) und Vermeiden (ekklisis), damit uns weder fehlschlägt, zu bekommen, was wir begehren, noch dass wir in das hineingeraten, was wir ablehnen. Das zweite Gebiet betrifft die Entschlüsse, etwas zu tun (horme) oder zu lassen (aphormē), und damit den Bereich der pflichtmäßigen Handlungen (kathekon). Da hat man sich zu üben, dass man in geordneter Weise, aus guten Gründen und nie gedankenlos handelt. Das dritte Gebiet hat es zu tun mit der Verhütung von Werturteil, überhaupt mit der Zustimmung (synkatathesis).
Damit haben wir die drei Gebiete bzw. die drei Disziplinen der Philosophie Epiktets:
Bei der Disziplin der Zustimmung geht es im Kern darum, wahren Eindrücken bzw. Urteilen (hypolepsis) zuzustimmen (synkatathesis), abzulehnen (ananeusis) oder sich der Zustimmung zu enthalten (epoche).
Und damit haben wir auch schon den ersten, wichtigen Aspekt der sogenannten Dichotomie der Kontrolle: es geht um ein Training in drei Bereichen bzw. Fähigkeiten der Seele.
Worum es genau bei diesen Dingen geht, verrät uns Epiktet zum Beispiel in Unterredungen 1.17.
Epiktet führt gerne einen Diskurs wie den folgenden, um zu verdeutlichen, worum es bei den Dingen geht, die bei uns sind. Hier paraphrasiere ich Teile aus Unterredungen 1.17.
"Du denkst also, jemand kann dir verbieten, etwas Wahrem zuzustimmen?
Denk nochmal nach! Und glaubst du wirklich, jemand kann dich zwingen, Lügen zu schlucken? Träum weiter!
Und was ist mit deinem Begehren und Handelnwollen? Kann jemand deinen Entschluss zu handeln ändern, außer du selbst? Kann jemand dein Begehren oder deine Abneigung übertrumpfen, außer einem stärkeren Drang in dir?
'Aber wenn mir jemand mit dem Tod droht, dann zwingt er mich doch', sagst du? Falsch! Nicht die Drohung zwingt dich, sondern es erscheint dir besser, etwas anderes zu tun, als zu sterben. Deine eigene Überzeugung hat dich also in die Knie gezwungen, dein freier Wille hat sich selbst überlistet.
Wenn dieser göttliche Teil in uns so leicht von anderen beeinflusst werden könnte, dann wäre es nicht göttlich und würde uns im Stich lassen. Dein Wille ist unantastbar, niemand kann ihn brechen oder kontrollieren."
Was in unserer Macht steht, ist von Natur aus frei...
Heißt es im Handbüchlein 1. Noch schöner in Unterredung 1.17:
Mensch, du hast einen freien Willen, der seiner Natur nach weder gehindert noch gezwungen werden kann.
Diesen freien Willen nennt Epiktet "prohairesis". Ich empfehle auch lieber den griechischen Begriff als den philosophischen Begriff "freier Wille". Aber dazu mehr in einem anderen Artikel.
Es sind auch die Dinge, die uns von Natur/Gott gegeben wurden und die uns auszeichnen bzw. von anderen Lebewesen abgrenzen:
Die Götter haben hiermit, wie es ihrer würdig war, das Allergrößte, das über alles die Herrschergewalt hat, nämlich den rechten Gebrauch der Vorstellungen, in unsere Macht, alles andere hingegen nicht in unsere Macht gegeben. Unterredungen 1.1.7
Meine Beine kannst du fesseln, aber meinen freien Willen kann selbst Zeus nicht überwinden. ibid, .23
Also, bei der sogenannten Dichotomie der Kontrolle geht es eigentlich darum, unsere eigentümliche, naturgegebene Willensfreiheit im stoischen Sinne - prohairesis - in den drei Gebieten zu kultivieren. Das bedeutet im Kern, den "rechten Gebrauch der Vorstellungen" zu kultivieren.
That's it. Keine Pointe.
Bei der sogenannten Dichotomie der Kontrolle geht es darum, geistige, mentale Fähigkeiten zu entwickeln; und zwar nur die Fähigkeiten der prohairesis, die vollständig in unserer Hand liegen.
Was das bringt? Tugend und ein gelingendes Leben, wie wir durch Fragment 4 von Epiktet erfahren:
Von allem, was es gibt, hat Gott das eine in unsere Macht (eph‘ hēmin) gegeben, das andere nicht (ouk eph‘ hēmin): in unsere Macht das Schönste und Wichtigste, wodurch auch er selbst glückselig (eudaimonia) ist, den Gebrauch der Vorstellungen (chrēsin tōn phantasiōn). Denn wenn wir diese richtig gebrauchen, so ist Freiheit (eleutheria), gelingendes Leben (euroia), Frohmut und Beständigkeit (eustatheia) vorhanden, aber auch Recht, Gesetz, Besonnenheit (sōphrosynē) und überhaupt jede Tugend (aretē).
Wie man darüber zur Tugend kommt, behandle ich in einem zukünftigen Artikel.
Jetzt sind wir 2000 Jahre weiter. Wir haben technologischen Fortschritt und viele wissenschaftliche Erkenntnisse, die es damals noch nicht gab - doch wir sind Menschen geblieben - das wird mir auch immer dann deutlich, wenn ich bei Seneca lese, wie sich die Römer damals verhielten...
Die moderne Psychologie gibt uns immer wieder Hinweise, dass doch sehr viel der Entscheidungs- und Motivationsprozesse unterbewusst stattfinden. Das wird vor allem in Angesicht der aktuellen Aufmerksamkeitsökonomie deutlich, in der es darum geht, unsere Aufmerksamkeit und am Ende unseren Willen in eine Richtung zu lenken - ob diese Richtung gut oder schlecht ist, sei mal dahingestellt. Doch in Anbetracht dieser vielzähligen Versuche, unsere Psyche von außen zu beeinflussen - durch Werbung, diverse Dopamin versprechende Stimuli oder gar Propaganda - ist es umso wichtiger zu lernen, bei sich zu bleiben, seine Integrität zu wahren und die Fähigkeiten des Geistes zu kultivieren, um sich vor diesen Angriffen zu immunisieren und unsere wertvollsten Güter und Werkzeuge zu schleifen.
Quellen: Epiktet, Mücke, Deckert; Gespräche, Fragmente, Handbuch